Warum Leitungswasser ein unterschätztes Verpackungsproblem hat

Risiken der Qualitätsbeeinträchtigung lauern auf den letzten Metern vom Hausanschluss zum Hahn

Leitungswasser gilt als eines der am strengsten kontrollierten Lebensmittel in Deutschland. Doch laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts enthält jede sechste Wasserprobe aus dem Hahn eine Konzentration von Schwermetallen wie Nickel, Blei, Kupfer, Eisen oder Mangan, die über den zulässigen Grenzwerten liegt. Die Gefahren lauern vor allem auf den letzten Metern des Wassers zum Verbraucher – also zwischen dem Hausanschluss (Wasseruhr) und dem Hahn. Auf diesem kurzen Weg können Verunreinigungen wie Schwermetalle oder Bakterien über die Hausleitungen oder Armaturen ins Trinkwasser gelangen und somit zu gesundheitlichen Risiken für die Verbraucher führen.

Gleichzeitig wird deutlich, dass der von den Medien wiederholt genutzte Claim „Das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland“ unter Berücksichtigung der genannten Risiken und dem Verbraucherverständnis, dass diese Aussagen bis zum unmittelbaren Verzehr am Hahn gelten, nicht aufrecht zu halten ist. Dies liegt daran, dass die Wasserversorger als Inverkehrbringer von Leitungswasser die Produkthaftung nicht bis zum Wasserhahn, sondern nur bis zur Wasseruhr übernehmen.

Der Genuss des Trinkwassers, das der örtliche Versorger aufbereitet hat, ist dank regelmäßiger Kontrollen in der Regel unbedenklich. Auf dem Weg zum Verbraucher kann es kilometerlange Leitungen durchqueren, ohne dass die Qualität darunter leidet. Am Hausanschluss endet jedoch die Zuständigkeit des Versorgers. Auf den letzten Metern, von der Wasseruhr bis zum Hahn, ist der Hauseigentümer und nicht das Wasserwerk für die Wasserqualität verantwortlich. Auf der „Last Mile“ bis zum Hahn können über Leitungen und Armaturen die Reinheit und damit die Genußfähigkeit des Leitungswassers beeinträchtigt werden, so der Leitungswasserexperte Siegfried Gendries in seinem Wasser-Blog über Risiken in der Hausinstallation. Fünf Faktoren beeinflussen die Qualität des Leitungswassers in der Hausinstallation besonders: Dabei handelt es sich um die Standzeit des Wassers in der Leitung, die Wasserleitung an sich, die Temperatur, den Siebeinsatz (Perlator) und den Partikelfilter.

Bundesumweltministerium warnt vor dem Konsum von Stagnationswasser

Wenn Trinkwasser länger als vier Stunden in der Leitung steht, sprechen Experten von Stagnationswasser. Während dieser Zeit können sich Inhaltsstoffe aus dem Installationsmaterial in der Leitung lösen. Insbesondere bei Bleirohren, die noch in einigen Altbauten zu finden sind, ist das gefährlich. Eine erhöhte Konzentration von Blei im Wasser kann unter anderem zu schweren Nervenschäden führen. Aber auch andere Schwermetalle wie Kupfer, Cadmium oder Nickel können sich während der Standzeit lösen und so ein Risiko hinsichtlich der vollen uneingeschränkten Genußtauglichkeit darstellen.

Laut Empfehlung des Bundeumweltministeriums (BMU) soll Leitungswasser, das länger als vier Stunden in der Leitung gestanden hat, ohne ausreichenden Vorlauf weder für die Zubereitung von Speisen noch für Getränke genutzt werden

Gefährliche Bleileitungen noch in Betrieb

Die Wasserleitungen in Deutschland sind laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts in der Regel 10 bis 50 Jahre alt. Da ihr Austausch mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist, sind auch die bis 1973 verlegten Bleileitungen zum Teil noch in Betrieb. Die Erkenntnisse über die Schädlichkeit von Blei, insbesondere bei Säuglingen und Ungeborenen, hat man erst mit den Jahren gewonnen und deshalb den Grenzwert letztmals in 2013 auf 10 Mikrogramm reduziert.

Wasserbakterien mögen lauwarme Temperaturen

Die Anforderungen an einzuhaltende Temperaturen für Trinkwasser kalt und Trinkwasser warm sind in der DIN EN 806-L und in der DIN 1988-200 geregelt.

Wasserbakterien, insbesondere Legionellen, fühlen sich bei Temperaturen zwischen 30 und 45 Grad am wohlsten. Warmwasser sollte deshalb 30 Sekunden nach Aufdrehen des Hahns mindestens 55 Grad warm sein. Wenn eine Erwärmungsanlage länger nicht genutzt wurde, ist zum Zwecke der thermischen Desinfektion eine Erwärmung auf mindestens 65 Grad notwendig. Kaltwasser sollte wiederum 30 Sekunden nach Aufdrehen des Hahns maximal 25 Grad haben, im Idealfall sogar nur 20 Grad. Werden die Anforderungen für Trinkwasser kalt und warm nicht eingehalten, so sind bauliche Maßnahmen zu ergreifen.

An Siebeinsätzen können sich Keime bilden

Bundesweit sind die Armaturen neuwertiger als die Leitungen. Der Studie des Fraunhofer-Instituts zufolge sind 70 bis 80 Prozent von ihnen nicht älter als zehn Jahre. In vielen Armaturen ist jedoch Nickel oder Blei verarbeitet worden. Jede zehnte Wasserprobe überschreitet laut dem Forschungsinstitut den Grenzwert für Nickel, das bei höheren Konzentationen bei Allergikern zu Hautbrennen und Juckreiz führen kann. Darüber hinaus können sich an den Kalkablagerungen in den Siebeinsätzen (Perlatoren) Keime bilden, wenn sie nicht regelmäßig abgeschraubt und ausgespült werden.

Partikelfilter brauchen regelmäßige Wartung

Ein weiteres Gesundheitsrisiko stellt ein ungereinigter Partikelfilter dar. Dieser befindet sich in der Regel am Hausanschluss und soll Stoffe wie Rostteilchen oder Sandkörner aus den öffentlichen Rohren zurückhalten. Es gibt rückspülbare und nicht rückspülbare Filter. Letztere sollten halbjährlich gewartet werden, wobei es vor allem wichtig ist, das Sieb richtig einzusetzen. Bei rückspülbaren Filtern sollte alle zwei Monate eine Rückspülung durchgeführt werden. Oft vergessen Hausbesitzer diese Arbeit aber. Wenn der Filter verstopft ist, finden Keime dort ideale Lebensbedingungen vor.

 

Dieser Artikel könnte auch für Kollegen und Freunde interessant sein?

Dann teilen Sie ihn!

Diese Artikel könnten auch für Sie interessant sein:

Leitungswasser testen: Warum Testkits zur Qualitätskontrolle fragwürdig sind

Warum Mineralwasser durch die Abfüllung von der Quelle in die Flasche eine höhere Produktsicherheit garantieren kann als Leitungswasser aus dem Wasserhahn