Wer den Verzehr natürlich-reiner Lebensmittel empfiehlt, sollte einen ehrlichen Blick auf die Unterschiede von Mineral- und Leitungswasser werfen

Bei diesen Aspekten lohnt sich genaueres Hinsehen.

 

 

 

1. Natürliche Lebensmittel genießen hohe Bedeutung

Für immer mehr Menschen in Deutschland haben der Verzehr natürlicher und weitgehend unbehandelter Lebensmittel in der täglichen Ernährung eine hohe Bedeutung. So ermahnt beispielsweise die von jüngeren Leuten genutzte Plattform UTOPIA die Konsumenten am 22.05.2021 in ihrem Beitrag „Verarbeitete Lebensmittel: Weshalb du auf sie verzichten solltest“: Beim Verzehr industriell hergestellter Lebensmittel sei Vorsicht angebracht, da diese oft nicht ohne Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, Zusatzstoffe oder Zucker auskommen.

Klassische industrielle Lebensmittel sollen also höchste Ansprüche in Sachen Natürlichkeit erfüllen. Beim Wasser als Getränk spielen erstaunlicherweise und im Widerspruch dazu Aspekte wie Natürlichkeit, Reinheit und Verarbeitung bei der Bewertung von UTOPIA und in vielen öffentlichen Diskussionen keine Rolle.

 

2. Die Situation bei Leitungswasser

Leitungswasserversorger in Deutschland speisen i.d.R. Wasser in ihre Netze ein, das die strengen Anforderungen der maßgeblichen Verordnungen sicher einhält und der menschlichen Gesundheit nicht schadet (Allgemeine Anforderung der Trinkwasserverordnung vom 20.12.2019 – Abschnitt 2, §4 Absatz 1). Es lohnt sich jedoch, hier etwas genauer hinzuschauen.

Leitungswasser stammt deutschlandweit zu einem Drittel aus Oberflächenwasser und zu zwei Dritteln aus Grundwasser, bevorzugt aus wasserreichen flacheren Grundwasserhorizonten mit guter Anbindung an das aktuelle Niederschlagsgeschehen. Oberflächenwasser muss laut Umweltbundesamt (UBA) immer aufbereitet werden; nur 25 Prozent des für Leitungswasser genutzten Grundwasservorkommens entspricht Trinkwasserqualität. Das technische Produkt Leitungswasser, das in der Regel aus nicht trinkbarem Rohwasser hergestellt wird, darf von den Wasserversorgern mit 90 Aufbereitungsstoffen und neun Desinfektionsmitteln genusstauglich aufbereitet werden. Kritische Inhaltsstoffe werden mit zahlreichen zugelassenen Verfahren aus dem Wasser entfernt und ursprüngliche Eigenschaften deutlich verändert. Auch eine Mischung von Rohwässern unterschiedlichen Ursprungs und unterschiedlicher Qualität ist zur Einhaltung von gesetzlichen Grenzwerten gängige Praxis.

Trotzdem wird Leitungswasser selbst von überzeugten Befürwortern einer Ernährung mit unverarbeiteten Lebensmitteln hinsichtlich seiner Natürlichkeit zumeist völlig unkritisch gesehen.

Nur knapp fünf Prozent des Leitungswassers werden für Essen und Trinken genutzt. Der Rest wird für Körperpflege, Hausgeräte, Gartenbewässerung, Toilettenspülung etc. eingesetzt oder in der industriellen Produktion und Landwirtschaft verwendet. Die erforderliche Aufbereitung des Rohwassers erfolgt schwerpunktmäßig nicht nach ernährungsphysiologischen, sondern nach technologischen Gesichtspunkten. Da Rohrleitungen und Haushaltsgeräte nicht verkalken sollen, ist ein hoher Mineralstoffgehalt unerwünscht. Bei einem zu niedrigen Gehalt laufen die Rohrleitungen Gefahr zu korrodieren. Deshalb dürfen dem Leitungswasser Mineralstoffe künstlich zugesetzt oder entzogen werden.

Um das Risiko einer mikrobiologischen Beeinträchtigung durch den Rohrleitungstransport von den Wasserversorgern zu den Haushalten zu reduzieren, darf das Leitungswasser zuvor mit Chlor desinfiziert werden. 30 Prozent der untersuchten Leitungswässer waren mit Chlor beaufschlagt, so die Stiftung Warentest in ihrem vergleichenden Wassertest in 2019.

Bei der von UTOPIA im vorgenannten Beitrag vorgenommenen Kategorisierung behandelter Lebensmittel führt dies dazu, dass Leitungswasser in der Stufe 4 als hochverarbeitetes Lebensmittel eingestuft werden müsste. Für diese Produkte gibt UTOPIA (1) die Empfehlung ab, diese zu meiden oder nur in Ausnahmefällen zu genießen.

Die Haftung und Prüfpflicht der Wasserversorger endet an der Grundstücksgrenze der Wassernutzer. Mit Übergabe des Trinkwassers in die häuslichen Installationen geht die Verantwortung für die Qualität des Leitungswassers auf Vermieter oder Eigentümer über (Last Mile). Der Einfluss von nicht geeigneten Leitungen, Wasserenthärtungsanlagen, Stagnationsstrecken oder selten gereinigten Wasserhähnen wird dabei oft unterschätzt oder kleingeredet. Dies bedeutet, dass die Wasserqualität aus dem Hahn nicht der Qualität entsprechen muss, die die Wasserversorger in die Rohrleitung abgeben.

Eine Auswertung von mehr als 1.500 Wasserproben aus Privathaushalten durch das Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB zeigte Grenzwertüberschreitungen bei jeder sechsten Probe an.

 

3. Die Situation bei Mineralwasser

Das Naturprodukt Mineralwasser stammt ausschließlich aus Grundwasser, aus vor Verunreinigungen besonders geschützten und tief in der Erde gelegenen Wasservorkommen (Tiefenwasser). Natürliches Mineralwasser ist das einzige Lebensmittel in Europa, dessen natürlicher Schutz und ursprüngliche Reinheit vor Inverkehrbringung amtlich anerkannt werden muss. Nur wenige schonende Behandlungsverfahren, wie das Herausfiltern von Eisen- oder Schwefelverbindungen, sind zulässig. Eine chemische Aufbereitung oder Desinfektion ist ausdrücklich verboten. Die charakteristischen Eigenschaften des Tiefenwassers müssen konstant sein und dürfen nicht verändert werden. Mineralwasser muss direkt am Quellort in Flaschen oder andere Behältnisse abgefüllt werden. Seine amtlich bestätigten Eigenschaften müssen bis auf den Tisch des Verbrauchers garantiert werden. Rund ein Drittel des täglichen Flüssigkeitsbedarfs der Menschen in Deutschland werden durch natürliches Mineralwasser abgedeckt, so die „Nationale Verzehrstudie II“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Die Entscheidung, natürliche Lebensmittel zu bevorzugen, führt konsequenterweise zu einem bevorzugten Konsum von natürlichem Mineralwasser anstelle von Leitungswasser. Definierte Herkunft, ursprüngliche Reinheit, amtlich anerkannter natürlicher Schutz und die transparente Deklaration der Inhaltsstoffe auf dem Etikett bieten engagierten und informierten Verbrauchern einen deutlichen Mehrwert.

Im „Mineralwasserland Deutschland“ kann der Konsument aus einer enormen Vielfalt an Wässern mit unterschiedlichen Mineralstoffgehalten auswählen. Ob es der Geschmack oder ernährungsphysiologische Überlegungen sind, für alle Verbraucher gibt es passende Produkte, auf die entsprechend den individuellen Vorlieben zurückgegriffen werden kann, die aber alle die gesetzlichen Kriterien der Mineral- und Tafelwasserverordnung (MTVO) erfüllen.

Bis zu mehreren 1.000 mg pro Liter gelöste wertgebende Inhaltsstoffe enthalten ausgewählte Quellvorkommen. Aber im Markt finden sich genauso natürliche Mineralwässer mit sehr geringen Mineralisationen. Ob natriumarme Ernährung oder die besondere Eignung für die Zubereitung von Babynahrung im Vordergrund steht, ob eine ausgleichende Wirkung auf den Säure-Basen-Haushalt oder ein Ausgleich des Mineralstoffhaushaltes bei gesteigerter körperlicher Aktivität erwartet wird – das Etikett jeder Flasche liefert alle notwendigen Informationen für eine gezielte Wahl.

Die wissenschaftlichen Meinungen hinsichtlich der Bedeutung von Wasser als Mineralstofflieferant gehen allerdings deutlich auseinander. Während Professor Helmut Heseker, Universität Paderborn, zu dem Ergebnis kommt, dass der Bedarf an wichtigen Mineralstoffen in erster Linie durch feste Nahrung gedeckt wird, kommen u.a. der Freiburger Mediziner Dr. Johannes Naumann, Facharzt für Innere Medizin und Balneologie, sowie Prof. Dr. Andreas Hahn, Leiter des Instituts für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung der Universität Hannover, zu anderen Erkenntnissen.

So kommt Prof. Dr. Hahn zu dem eindeutigen Ergebnis, dass Trinkwasser zwar geeignet ist, den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen, aber keinen relevanten Beitrag zur Mineralstoffversorgung leistet.

Der Mediziner Dr. Johannes Naumann kommt in der SWR-Sendung Marktcheck vom 15.03.2022 ebenfalls zu deutlich abweichenden Bewertungen im Vergleich zu den Aussagen von Prof. Dr. Heseker: „Wir sind nicht immer gut versorgt über die Nahrung, vor allem nicht alle Bevölkerungsgruppen. Wer besonders gesundheitsbewusst lebt, kann das über die Nahrung machen. Aber sonst kann Mineralwasser eine sehr gute Ergänzung sein, das betrifft vor allem Magnesium und Calcium.“

 

4. Wer sich natürlich ernähren will, trinkt Mineralwasser

Für die überwiegende Mehrheit aller Bundesbürger ist der Genuss des Naturproduktes Mineralwasser ein fester Bestandteil ihrer Trinkkultur. Dies zeigt eine aktuelle repräsentative Studie des Marktforschungsinstitutes Kantar, München, im Auftrag des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen. Für 90 Prozent der Mineralwasser-Trinker ist die natürliche Reinheit als einzigartige Eigenschaft von Mineralwasser besonders wichtig.

Für die eingangs erwähnte Plattform UTOPIA ist es wichtig, dass Konsumenten die „inneren Werte“ eines Lebensmittels kennen, um sich natürlich und mit möglichst unverarbeiteten Nahrungsmitteln ernähren zu können.79 Prozent der Mineralwasser-Trinker geben als Grund für ihren Konsum die darin enthaltenen Mineralstoffe an. Demgegenüber sind es nur 63 Prozent der Trinker von Leitungswasser.

 

(1) Stufe 1 – Unverarbeitete und minimal verarbeitete Lebensmittel; Stufe 2 – Verarbeitete Zutaten; Stufe 3 – Verarbeitete Lebensmittel; Stufe 4 – Hochverarbeitete Lebensmittel

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