Stiftung Warentest misst beim “großen Wasser-Check” mit zweierlei Maß

Warum der Vergleich von Leitungs- und Mineralwasser wenig aussagekräftig ist

Die Stiftung Warentest hat im Juli 2019 Leitungswasser und stilles Mineralwasser miteinander verglichen. Das Ergebnis der Warentester: Die Qualität von Leitungswasser sei ebenbürtig oder sogar höher als die von Mineralwasser. Da der Vergleich der beiden Wasserarten nicht auf systematisch vergleichbaren Methoden und Bewertungen basiert, die einen objektiven Prozess der Beurteilung zulassen, haben die von Stiftung Warentest vorgestellten vergleichenden Untersuchungsergebnisse praktisch keine Aussagekraft.

Dem Verbraucher wird über die Testveröffentlichung und der sich anschließenden Medienberichterstattung suggeriert, dass die Stiftung Warentest die Qualität von Leitungswasser aus dem Hahn mit der Qualität von in Flaschen abgefülltem Mineralwasser verglichen hat. Erst durch eine genauere Analyse des Testverfahrens ist für den Konsumenten erkennbar, dass ein Test der Leitungswasser-Qualität aus dem Hahn unter verbraucherüblichen Bedingungen gar nicht stattgefunden hat.

Die Untersuchung der Stiftung Warentest beruht auf ungleichen Messmethoden. Das beginnt bei der Probenqualität: Beim Mineralwasser besorgten sich die Tester die Probeflasche direkt im Handel und nahmen dabei das Risiko einer falschen Lagerung in Kauf. Wenn das Mineralwasser Hitze oder Licht ausgesetzt ist, kann das den Geschmack negativ beeinflussen. Die Stiftung Warentest verzichtete jedoch darauf, dieses Risiko durch eine Probe direkt vom Brunnen zu minimieren.

Die Leitungswasserprobe entnahm hingegen ein akkreditierter Probennehmer auf eine Art und Weise, die für Verbraucher völlig untypisch ist. So hatte er das Wasser zunächst zwei Minuten aus dem Hahn laufen lassen, um zu vermeiden, dass die Probe Stagnationswasser enthält.

Leser erfährt von unterschiedlicher Methodik nur im Kleingedruckten

Mikrobiologisch hat die Stiftung Warentest die Mineralwässer einem strengen Test unterzogen, das Leitungswasser hingegen wurde nicht auf Keime überprüft. Begründet wird dies mit dem Hinweis im Kleingedruckten: „Auf Keime untersuchten wir das Wasser nicht, weil eine mögliche Keimbelastung auch von der häuslichen Hygiene am Hahn abhängt“.

Obwohl gerade bei Leitungswasser das Risiko besteht, dass das Getränk auf den letzten Metern vom Wasseranschluss des Hauses bis zum Hahn verunreinigt wird, verzichtete die Stiftung Warentest komplett auf eine mikrobiologische Untersuchung. Laut Erkenntnissen des Fraunhofer-Institutes für Grenzflächen und Bioverfahresntechnik stelllt die Hausinstallation, also die häusliche Verpackung – von Fraunhofer auch „Last Mile genannt“ – ein erhebliches Risiko für die Leitungswasserqualität aus dem Hahn dar. Leitungswasser, das länger als vier Stunden in der Leitung gestanden hat, soll laut Empfehlung des Umweltbundesamtes ohne ausreichenden Vorlauf nicht zur Zubereitung von Speisen und Getränken genutzt werden. Auf diese Risiken geht die Stiftung Warentest überhaupt nicht ein, sondern hält im Kleingedruckten nur fest: „Stagnationswasser ließen wir vorher ablaufen“.

Die Qualität der Mineralwässer wurde hingegen mikrobiologisch wesentlich strenger getestet als es die gesetzlichen Vorschriften in der Mineral- und Tafelwasserverordnung vorsehen.

Geschmackstest nur für Mineralwasser

Auch an anderer Stelle hinkt der von der Stiftung Warentest vorgenommene Vergleich. So wurden alle Mineralwässer von sieben geschulten Sensorikexperten einem umfangreichen Geschmackstest unterzogen, der sogar mit 50 Prozent in die Gesamtbeurteilung in Form von Schulnoten einfloss. Bei Leitungswasser fand weder eine sensorische Prüfung noch eine Bewertung mit Schulnoten statt. Dies ist um so erstaunlicher, da fast jede dritte Trinkwasserprobe (6 von 20) im Test Stoffe enthielt, die eine Behandlung der Wasserversorger mit Chlor angezeigt hat.

Unzulässiger Vergleich der Mineralstoffwerte

Auch der Mineralstoffvergleich zwischen Leitungs- und Mineralwasser hinkt. Die Tatsache, dass viele Mineralwässer weniger oder nur ähnlich hohe Mineralstoffwerte wie das örtliche Leitungswasser aufwiesen, wird von der Stiftung Warentest ebenfalls als ein Mangel bewertet. Dabei wird verschwiegen, dass im Segment der kohlensäurefreien Mineralwässer einige Mineralbrunnen mit mineralstoffreichen Mineralwässern ihre mineralstoffärmeren Produkte bewußt aus einem anderen Quellvorkommen anbieten. Die Gefahr des Absetzens der Mineralstoffe am Boden der Mineralwasserflasche aufgrund fehlender Kohlensäurebindung und der bei vielen Verbrauchern auf Ablehnung stoßende starke Eigengeschmack der Mineralstoffe sind die Ursache hierfür.

Der Test läßt in diesem Zusammenhang völlig außer Acht, dass der Verbraucher beim Einkaufen von Mineralwasser selbst entscheiden kann, welche Mineralisierung seinen geschmacklichen Vorlieben und ernährungsphysiologischen Bedürfnissen entspricht. Im Gegensatz dazu steht dem Konsumenten an dessen Wohnort aber immer nur ein einziges Leitungswasser zur Verfügung.

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